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Volker Veit über seine „Rauschbilder”
Ein Bad im Raum

Volker Veit ist mittendrin
Was genau bedeutet "Rauschbilder"?
Mein ursprünglicher Arbeitstitel „Rauschbilder“ hat sich als Titel für das gesamte interdisziplinäre Ausstellungsprojekt festgesetzt. „Rauschbilder“ sind die Bilder, die sich als Fundus in unseren Köpfen angesammelt haben und je nach Situation unser Handeln und Denken beeinflussen. In der Installation wird es zum Beispiel eine Wellenbewegung im großen Becken geben, die sich auf die Schräge zu bewegt. Diese Bewegung kann sowohl als etwas Bedrohliches gesehen werden, wenn wir an Umweltkatastrophen denken, aber auch als einen schönen Sommertag am Strand. Das gesamte Projekt setzt sich thematisch mit Ereignissen auseinander, die Menschen in den Grundfesten ihrer Existenz erschüttern können, ebenso reflektiert es mögliche Reaktionen der Betroffenen auf diese Irritationen. Die Bandbreite kann hierbei von Resignation und Verzweiflung bis zur Entwicklung von neuen Lebensentwürfen führen.
Wer ist an der Realisierung des Werkes insgesamt beteiligt?
Die Projektidee stammt von mir und das Gesamtkonzept habe ich dann mit Sabine Thanner vom Tanzenden Theater erarbeitet. Eingebunden sind nahezu alle Ensembles des TTW, vom Profiensemble bis zur Junior Company, sowie natürlich viele Helfer im Hintergrund. Eine große Bedeutung kommt auch der Wolfsburger Bevölkerung zu. Durch verschiedenste Aufrufe in den Printmedien seit Anfang des Jahres ist diese aufgerufen Holzstühle für das Projekt zu spenden, die ein wichtiger Teil der Installation werden. Somit erhalten Menschen, die sich normalerweise nicht mit Kunst auseinandersetzen, die Möglichkeit an der Realisierung teilzunehmen.
Welche künstlerischen Mittel verbindet die Installation?
Das Projekt verbindet die bildende Kunst in Form einer Installation, die sich über die Dauer der Ausstellungszeit kontinuierlich verändert, mit der darstellenden Kunst in Form von drei verschiedenen Performances, die auf die Installation reagieren.
Wie kam die Idee einer Kooperation mit dem Tanzenden Theater zustande?
Mit Sabine Thanner bin ich schon seit längerer Zeit im Gespräch um ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. 2007 standen wir schon einmal kurz vor der Realisierung eines übergreifenden Projektes aus Tanz und Fotografie. Das ist dann aber leider gescheitert. Die Fotos sollten in einem nicht mehr genutzten Gebäudeteil einer Industrieanlage realisiert werden. Am Ende hat der Hausherr das Projekt gekippt, da die auf den Arbeiten zu sehenden Gebäudeteile nicht der gewünschten Außenwirkung entsprachen. Bei diesem Projekt habe ich die erste Idee Sabine Thanner vorgestellt und wir konnten uns schnell darauf einigen, das Projekt in Angriff zu nehmen. Auch hier musste natürlich Frank Rauschenbach, der Geschäftsführer des Hallenbades, vom Projekt begeistert und überzeugt werden, bevor der endgültige Start im November des vorherigen Jahres gegeben werden konnte. Seit diesem Zeitpunkt laufen auch bereits die Vorbereitungen.

Das Tanzende Theater probt auf Hallenbad-Boden
Den genauen Ablauf der einzelnen Performances kenne ich selbst noch nicht, was aber auch so gewollt ist. Ich liefere die Bilder durch die Installation und das Tanzende Theater entwickelt hieran seine eigenen Interpretationen. Die beiden künstlerischen Disziplinen werden an den Aufführungstagen zusammengeführt und entwickeln sich dann unabhängig voneinander weiter.
Was ist das Besondere an Ihrem interdisziplinären Projekt?
Das Besondere ist natürlich dieser fantastische Raum, das große Schwimmerbecken des ehemaligen Hallenbades, der erstmalig auf diese Weise bespielt wird. Zudem ist es ein reines „Wolfsburger Projekt“ (dieser Begriff ist glaube ich schon durch eine andere Institution besetzt worden, passt aber hier) von Wolfsburger Künstlern, in einem spannenden Raum, unter Einbeziehung der Bevölkerung durch das vorgelagerte Sammeln der Stühle. Das Gesamtkunstwerk entsteht durch das Zusammenspiel der beiden Sparten, wobei die Performances sich innerhalb der Installation abspielen werden. Eine weitere Besonderheit ist die ständige Veränderung der Installation über den gesamten Ausstellungszeitraum. Es ist eine sich langsam entwickelnde Bewegung und Veränderung, ähnlich einem Film, der in Zeitlupe abgespielt wird. Bei nahezu jedem Besuch zeigt sich dem Besucher ein verändertes Bild und selbst der Arbeitsprozess wird Teil der Ausstellung sein.
Wie genau kann man sich das Ergebnis der Performances vorstellen, das im Hallenbad zu sehen sein wird?
Die Performances sind eine Reaktion auf die Installation und den Raum, in dem das Projekt stattfindet. Das Projekt läuft in zwei Zeitebenen ab. Einmal die sich langsam verändernde Installation über den Zeitraum der 5-wöchigen Ausstellungszeit und die einzelnen Tanzperformances innerhalb der Installation.
Gab es Vorbilder für Ihr Werk?
Die Idee zu diesem Projekt hat sich aus meinen bisherigen Arbeiten und Arbeitsskizzen heraus entwickelt. Es gibt keine bewussten Vorbilder für das Projekt. Beim Wühlen in der Kunstgeschichte besteht aber sicherlich die Möglichkeit, auf Ähnliches zu stoßen.
Weshalb ist das Hallenbad-Schwimmerbecken der geeignete Raum für Ihr Projekt?
Ich arbeite bei meinen Projekten gerne auf der Grundlage von Räumen und Gebäuden, die von sich aus eine Geschichte erzählen können, die dann entsprechend interpretiert werden bzw. an denen neue Geschichten entwickelt werden können. Das hat mich auch am Hallenbad fasziniert. Ich habe bereits in dem Becken fotografiert, als es sich gerade im Übergang vom Hallenbad zu seiner heutigen Nutzung befand. Hieraus ist eine Serie von großformatigen Collagen entstanden. Nun gehe ich, da ich mich in meiner Entwicklung für Raumkonzepte interessiere und gerne bereichsübergreifend arbeiten möchte, den Schritt zu diesem Projekt weiter.
Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrer Installation?
Erst einmal die, dass es so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Dann natürlich, dass Menschen in die Ausstellung gelockt werden, die sich sonst nicht für Kunst interessieren, und sei es nur, um ihren Stuhl wiederzufinden. Vielleicht bekommen wir den einen oder anderen dann auch dazu sich für Kunst zu interessieren, die "Made in Wolfsburg" ist. Ich glaube, dann ist schon einiges erreicht. Was die eigene Arbeit betrifft, soll dieses Projekt natürlich eine Überleitung zu weiteren Projekten an und in Gebäuden sein, die speziell für diese Gebäude entwickelt werden, die auch wieder interdisziplinär gestaltet werden können, da sich durch das gemeinsame Arbeiten mit unterschiedlichen Sichtweisen ungeplante Ergebnisse erzielen lassen.

Kunst unter der ehemaligen (Wasser-)Oberfläche
Das Gesamtprojekt „Rauschbilder“ ist an sich flüchtig, da es nur für diesen Raum entwickelt wurde und nur in diesem Raum so funktioniert. Da sich aber eine Installation aus mehreren Objekten zusammensetzt, kann es passieren, dass Teile hieraus in anderen Projekten wiederzufinden sind. Das Gleiche gilt sicherlich auch für die Performances, die als einzelne Werke in anderen Zusammenhängen für sich alleine stehen können.
Welche Rolle spielt die dreimalige Veränderung im Zusammenhang mit dem Werk?
Die Arbeit verändert sich nicht nur drei Mal, sondern regelmäßig über die gesamte Zeit. Es gibt drei Bilder der Installation, die durch die Performances des Tanzenden Theaters bespielt werden, die ihre Interpretation aber auf den gesamten, bis dahin erfolgten Wandel in der Installation bezieht.
Wie wichtig ist das Erlebnis bzw. das Interaktive in der Kunst?
Das Erlebnis an sich ist schon wichtig, solange es nachhaltig bleibt. Ich halte nichts von Erlebnissen in der Kunst, die nur flüchtig sind und dem Zeitvertreib dienen. Das Interaktive ist eine spannende Sache. Hierbei ist das Ergebnis nicht unbedingt kalkulierbar. Bei diesem Projekt war die Interaktion vorgelagert, zum Beispiel durch das Sammeln der Stühle, wo ich auf die Wolfsburger Bevölkerung angewiesen bin, sich einzubringen, und ich anhand des Rücklaufs das Aussehen eines Teils der Installation planen und umsetzen muss. Hier kenne ich das endgültige Aussehen nicht, da das Sammeln noch nicht abgeschlossen ist. Spannung pur sozusagen. Dann kommt die Interaktion der Tänzer auf die ständige Veränderung der Installation hinzu, die für die Wirkung des Gesamtkunstwerks enorm wichtig ist.
Wie sind Sie bisher als Künstler in Wolfsburg in Erscheinung getreten?
Ich versuche in einer Regelmäßigkeit von zwei bis drei Jahren etwas in bzw. für Wolfsburg zu realisieren. Das war zuletzt 2006 eine Rauminstallation in der St. Marien Kirche in der Nordstadt und davor 2004 eine Ausstellung in einem leer stehenden Geschäft in der Schillerpassage, in dem ich Arbeiten gezeigt habe, die sich IN ARBEIT befunden haben, wo man auch schon ein Modell sehen konnte, bei dem Stühle in einer Installation eine Rolle gespielt haben.
Wie erleben Sie Wolfsburg als Kunststadt?
Wolfsburg hat sich in den letzten Jahren seit dem Dornröschenschlaf im Zonenrandgebiet als Kunststadt enorm entwickelt. Jetzt liegt es an uns, den Wolfsburger Künstlern, diesen Ball aufzunehmen und den Schwung mitzunehmen. Ganz vergessen habe ich auf meine Homepage hinzuweisen, auf der ich in einem Blog aktuell über meine Arbeit berichte und die nahezu alle Infos zu meiner künstlerischen Arbeit enthält, sowie eine eigene Seite zu den "Rauschbildern". Das Ganze unter www.veitraum.wordpress.com.
Vielen Dank für das Interview!








