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Interview mit Maix Mayer

„Ich sage nichts, ich zeige“

Der 1960 in Leipzig geborene Fotografiekünstler Maix Mayer zeigt noch bis zum 5. April seine „Utopie des Realen" in der Städtischen Galerie im Schloss. indigo sprach mit dem „modernen Archäologen von Raumbildern" über seine „Wahlkunststadt" Wolfsburg.

Wie kamen Sie von der Meeresbiologie zur Kunst?
Die Filme des französischen Meeresforschers J. Costeau hatten mich so beeinflußt, dass ich unbedingt Meeresbiologe werden wollte. Anfang der 80er Jahre, während der Zeit meines Studiums der Meeresbiologie in Rostock, bekam ich in meiner Heimatstadt Leipzig durch die musikalische und performative Subkultur Kontakt zur Bildenden Kunst. Inspiriert von den Leipziger Freunden, die 1983 eine unabhängige Galerie in einer Wohnung gründeten, versuchte ich in Rostock ebenfalls eine Galerie zu gründen, die dann aber noch während der ersten Ausstellung durch die Staatssicherheit verboten und geschlossen wurde.  
Wo sehen Sie die (ästhetischen) Gemeinsamkeiten / Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturräumen, etwa zwischen dem europäischen und dem asiatischen?
Seit den letzten 15 Jahren sind viele deutsche Architektur- und Planungsbüros in Asien (besonders China) tätig. Die versuchte Gestaltung “des Tsunamis der Verstädterung“ führte zur Annahme, dass China verwestlicht, und auch der oberflächlichliche westliche Blick erkennt nur sich selbst, aber dem konfuzianischen Kapitalismus gelingt es viel besser als dem Westen, das Erbe des Gemeinschaftslebens im Prozeß der Modernisierung zu bewahren und ein eigenes chinesisches Stadtmodell zu entwickeln.
Wie versuchen Sie dies in Ihrer Kunst umzusetzen?
Im Grunde bin ich ein moderner Archäologe von Raumbildern. wie schon S. Kraukauer in den 20er Jahren feststellte, die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft, und immer wenn diese Raumhieroglyphen entziffert werden, bieten sie einen Grund der sozialen Wirklichkeit dar.
Das Phaeno aus Maix Mayers' Perspektive
Das Phaeno aus Maix Mayers' Perspektive
Weshalb haben Sie sich die Stadt Wolfsburg als Untersuchungsobjekt Ihrer Fotografie ausgesucht?

Meine Beziehung zu Wolfsburg begann mit einer Einladung 1998 zur Ausstellung "German Open" im Kunstmuseum. Eine Kurzfilmproduktion führte mich 2006 ein weiteres Mal in die Stadt, aber erst die Einladung zu einer Ausstellung in der Städtischen Galerie war dann der konkrete Anlass sich direkt mit Wolfsburg zu beschäftigen.
Was ist Ihnen in Wolfsburg aufgefallen?
Da ich mir Städte meistens über die Wahrnehmung beim Gehen erschließe, (das Prinzip des Umherschweifens, von der Situationistischen Internationale in den frühen 60ern entwickelt), fiel mir in Wolfsburg besonders positiv auf, dass mich mir unbekannte Personen auf der Straße fast überall freundlich grüßten, eine Erfahrung, die nicht unbedingt typisch für Städte ist.
Weshalb sehen Besucher der Ausstellung Ihre Wolfsburg-Aufnahmen in einem Katalog, nicht aber an der Wand?
Die Fotos von Wolfsburg (in einer Form von Ortsbegehung) sind im Kontext einer filmischen Arbeit über "geplante" Städte (Eisenhüttenstadt und das ungarische Pendant) entstanden. Aus diesem Grund haben sie das Bildformat von 16:9, das dem beabsichtigten filmischen Format entspricht. Für mich stellt ein Katalog die adäquatere Präsentationsform dar, die Arbeit als ein Forschungs- und Rechercheobjekt zu betrachten. Auch fördert die Buchform und die damit verbundene Art der Rezeption stärker eine mehr zeitlich organisierte, konzentriertere Art der Aufmerksamkeit.
Was möchten Sie mit ihren Fotos vermitteln, was sollen Ihre Bilder beim Betrachter auslösen?
Ich möchte mit einem Zitat des gerade verstorbenen französischen Filmemachers Eric Rohmer („Brief an einen Kritiker“, 1971) antworten: „Was ich sage, sage ich nicht in Worten. Ich sage es auch nicht in Bildern. Letztlich sage ich überhaupt nichts, sondern ich zeige... Das ist alles, was ich kann, das ist eben mein Thema." Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Foto aus? Dies kann ich nur an einem konkreten Bild und innerhalb eines definierten Entstehungs- bzw. Präsentationszusammenhanges ausmachen.
Was für eine Ausrüstung braucht ein professioneller Fotograf?
Ich arbeite nicht als professioneller Fotograf und benutze oft nur klassische Konsumer- bzw. "semiprofessionelle" Geräte für meine Arbeit.
Ihre Installation "Die Urbanisten" ist J.G. Ballard gewidmet. Was verbinden Sie mit diesem Autor?
J.G. Ballard ist für mich einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts, der seine oft isolierten Protagonisten in spezifischen architektonischen Settings verschiedene Repräsentationen von Realität oszillieren lässt. Einige Geschichten tragen Titel wie „das Hochhaus, die Betoninsel, die ideale Stadt“. J.G. Ballard behauptet, die beste Methode, sich mit unserer Welt auseinanderzusetzen, besteht in der Annahme, dass sie lediglich eine Fiktion ist bzw. umgekehrt, dass die Reste der Realität, die uns noch bleiben, sich im Innern unserer Köpfe befinden. Hier ergibt sich eine Verbindung (neben der Tatsache, dass J.G. Ballard in Shanghai aufwuchs) zu meinem Film „die Urbanisten”, den 620 individellen Porträts mit Helmen, die dieses Restreale in einem Moment des Wartens und der Kontemplation in einer von Fiktionen (hier Stadtfiktionen) bestimmten Welt erfahrbar machen. Ich schaue meinen Protagonisten beim Sehen zu, beim Akt des Schauens, in einer durch visuelle Abwesenheit gekennzeichneten städtischen Landschaft.
Was fasziniert Sie an Science-Fiction?
Da die DDR nur vier Science-Fiction-Filme produzierte, den letzten 1976 (was nicht nur ökonomische Gründe hatte), war Science-Fiction vor allem als utopische Literatur von Stanislaw Lem oder Boris Strugatzky verbreitet. Diese Autoren prägten mein Interesse an Science-Fiction, vor allem in form der „Social Fiction“, der Modellwelt einer zukünftigen sozialen Gemeinschaft. Parallel dazu erweckten die Illustrationen in den Schul- und Jugendbüchern eine baldige reale Kolonisation des Meeres mit futuristischen Architekturen von Unterwasserstädten und Raumstationen. Diese Kraft der Bilder übte einen starken Einfluss auf die Vorstellung von Zukunft bei mir aus. An diesem Beispiel sieht man sehr deutlich, wie die Vorstellung von Zukunft immer das gegenwärtige Handeln bestimmt, Ernst Blochs Unterscheidung von echter und unechter Zukunft, ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal darstellt. Echte Zukunft bringt qualitativ Neues hervor und die unechte Zukunft ist nur dasjenige, was nach bisheriger Erfahrung sich auch weiterhin wiederholt (z. B. Tag und Nacht). In meiner Vorstellung existiert die Zukunft viel mehr als die Gegenwart, denn der Mensch ist vor allem eine Projektion seiner selbst im Hinblick auf die Zukunft, zugespitzt formuliert: Der Mensch handelt zuerst als Science-Fiction-Autor.
Welche Regisseure / Künstler / Fotografen haben Sie beeinflusst?
Während meines Studiums der Meeresbiologie leitete ich den Filmclub der Universität in Rostock. Über die in Berlin angesiedelten polnischen und ungarischen Kulturzentren hatten wir direkten Zugang zu Filmen, die in den öffentlichen Kinos nicht gezeigt wurden, aber in den 70er Jahren das Niveau des europäischen Filmes mitbestimmten. Gleichzeitig  war das jährlich in Leipzig stattfindende internationale Dokumentarfilmfestival ein Treffpunkt für Filmemacher wie Joris Ivens und Chris Marker, die meine Haltung zum Medium Film mit beeinflussten.
Wolfsburg bleibt Wolfsburg
Wolfsburg bleibt Wolfsburg
Utopie, Dystopie, Atopie - wie deuten Sie diese Begriffe?

Eine Utopie ist, dass Wolfsburg mehr sein kann als Wolfsburg. Eine Dystopie ist, wenn die im Film “Palermo oder Wolfsburg” von Werner Schroeter geschilderten Situationen sich in der Zukunft wiederholen. Eine Atopie ist, wenn Wolfsburg gleich Salzgitter oder gleich Unna ist.
Was macht die reale Stadt in Ihren Augen (Ihrem Kameraauge) zu einer Utopie?
„Ich bin Kinoauge ich bin Baumeister.“ Wertow (1923) Perspektive eins: Die Städte liegen nicht hinter der Leinwand. Sie liegen auf der Leinwand. Auch gefilmte Städte sind reale Städte. Perspektive zwei: Aus Filmstädten über reale Städte lernen: „Von nun an wird für immer der Architekt den Setdesigner ersetzen, das Kino wird zum treuen Übersetzer der kühnsten Träume der Architekten“ L. Bunuel (1927) nur in der Filmarchitektur konnte eine der zentralen Utopien der Moderne eingelöst werden, die Vorstellung, dass Form und Funktion logisch und eindeutig verknüpft werden konnten.
Was kann Kunst heute noch gesellschaftlich bewirken?
Kunst besitzt eine Form von Freiheitsgraden, die ihr durch die Gesellschaft zugestanden wird, die es ihr ermöglicht, bestimmte Konventionen zu ignorieren, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Kunst ist eines der letzten Spielfelder des Spätkapitalismus, das permanent sich der Vereinnahmung entziehen möchte und sie doch zugleich herbeisehnt, um sich der eigenen Bedeutung zu vergewissern. Die letzten Worte des Replikanten in „Blade Runner“: „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wieviel Zeit bleibt mir?  
Herr Mayer, vielen Dank für den ausführlichen Einblick in Ihre Arbeit!  

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